Bildquelle: zuguttenberg.de
Können diese Augen lügen? Ich glaube nicht. Lieber Karl-Theodor, deine Politik interessiert mich nicht, auch nicht dein abgeschriebener Titel. Du bist eine Marionette des Pöbels und doch frei wie ein Vogel. Vogelfrei könnte man sagen. Meine Liebe gilt dir, der du du bleiben willst. Nur widerwillig gibst du Meter für Meter deinen Vorsprung zurück. Bald sind wir auf gleicher Augenhöhe und dann werde ich mich bemühen, meinen Augenaufschlag seriös in dein Blickfeld zu manövrieren.
Woher nimmst du die Kraft für deine vielen Ämter? Woher nimmst du die Kraft, täglich aufzustehen, dir Pomade in dein wunderbar volles Haar zu schmieren? Woher nimmst du die Kraft, deiner Familie am Frühstückstisch von deinen Plänen zu erzählen? Woher nimmst du all diese Kraft?
Du wurdest gefeiert. Du wurdest bejubelt. Du wurdest für gut befunden. “Endlich mal ein Politiker mit Format.” – Damit kenne ich mich nicht aus. Eine Meinung zu deiner Politik ist den Politologen vorbehalten. Dies ist ein Liebesbrief, keine Anklage. Es ist ein Zeugnis eines Bürgers nicht-deutscher Staatsbürgerschaft. Ich bin ein stiller Fan von dir, denn du hast den Schneid, den Dummen zu kontrollieren. Er will kontrolliert werden. Du gibst ihm, was er will.
Zu Guttenberg – für deine Familie ist es eine Ehre, diesen Namen zu tragen, denn du bist reich. Berühmt und sicherlich schön. Stets adrett gekleidet. Du wirkst gutmütig, nicht so aufgeblasen, wie man dir andichten möchte. Du isst sicher gern in teuren Restaurants. Vermutlich nicht, weil sie teuer sind – nein, eher aus anderen Gründen; du magst das Flair des Geldes. Das mag ich auch. Manchmal kaufe ich mir dennoch einen Hamburger – du sicherlich auch. Wahrscheinlich im Drive-In einer großen Fastfood-Kette. Oder du lässt dir den Hamburger in dein Büro bringen. Wer weiß.
Dieser Liebesbrief ist wirr und ich entschuldige mich dafür. Ich schreibe ins Blaue hinein – in der Hoffnung, dir wenigstens die Hand schütteln zu dürfen. Ich verstehe und akzeptiere, dass du momentan keine Zeit für mich hast. Du bist ein Mann, der viel arbeitet. Du willst hoch hinaus. Das will ich auch. Ich behalte gern den Überblick.
Ich habe ein offenes Ohr für deine Bedürfnisse. Du sehnst dich nach Wärme, echter Zuneigung und nach Lob. Das tun wir alle. Allzu leichtfertig wird seit einigen Tagen mit dir abgerechnet. Du sollst abdanken. Du sollst endlich gehen, denn – so lautet nun plötzlich der Schlachtruf – “du warst ohnehin ein miserabler Politiker”. Nimm diese Arschlöcher nicht allzu ernst, deine Zeit ist noch nicht um. Ich spüre es. Du darfst noch nicht gehen. Du musst diesem Streit ein Ende bereiten.
Ich verrate dir mein kleines Geheimnis, damit du besser durch diese schweren Zeiten kommst. Du musst abermals die Lüge bedienen. Der Pöbel wirft dir vor, ein Lügner zu sein. Du behauptest das Gegenteil, du sagst die Wahrheit. Der Pöbel will sich nicht wieder irren, er will im Recht bleiben, er will bestimmen, er will das Gefühl haben, dich zu kontrollieren – zu groß ist die Angst, in Wirklichkeit deiner Macht ausgeliefert zu sein.
Du musst lügen. Lüge so fest du kannst. Je verlogener du nun sprichst und trittst, desto eher wird man dir verzeihen. Du hast mehrmals gelogen; das behauptet der Pöbel. Nun heißt es, den kleinen Lügen mit kleinen Lügen zu begegnen und den großen Lügen mit großen. Es wird klappen. Ich mache das auch immer so. Negative Wahrheiten addieren sich nicht, sie werden multipliziert. Der Faktor ist das Medium, der Überbringer deiner Botschaft. Je lauter sie schreien, desto lauter musst du schreien.
In Liebe,
Ein stiller Freund


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